Das heideggersche Dasein ist genau das Dasein, das Sokrates in Platons Politeia als Produkt der Ungebildetheit versucht herauszuarbeiten. Der fundamentale Unterschied zwischen Bildung und Ungebildetheit ist die Blickrichtung des Menschen. Diese Blickrichtung ist im Höhlengleichnis in ihren Gegensätzen dargestellt. Der Ungebildete ist gefesselt und blickt nach vorne, während hinter ihm die echten Dinge vor der einfallenden Sonne vorbeigetragen werden und Schatten auf die ihm vorliegende Fläche werfen.1 Er hält diese für die echten Dinge und kann es nicht ertragen, wenn er in die Sonne blickt. Er denkt, das Sein ist im „Da“ und nicht in seinem „Hier“, da die Sonne metaphorisch für die innere Wirkmacht des Daseins steht. Der Grund der Dinge ist der Hintergrund und nicht der Vordergrund. Die „äußere Welt“ tritt in Erscheinung durch die Aufladung der Dinge mit der unterschiedlichen Bescheinung. Ein Frosch ist nur grün, weil er durch unsere Verarbeitung der einfallenden Strahlen mit einer bestimmten Wellenlänge grün erscheint. Ein anderes Tier wird diesen Frosch schwarz-weiß oder in seiner Wärmestrahlung sehen, die die gleichen Strahlen anders kodiert. So ist alles von unserem Inneren heraus entstanden. Auch die relationale Größe der Dinge hängt von uns ab. Da wir eine bestimmte Größe haben ist alles mit einer geringeren Breite und Länge „kleiner“ und alles mit größeren Maßen „größer“. Die Relationalität ist auch in dem Erleben der Zeit und des Raumes gegeben, sowie im Einfall der Kräfte, die auf uns wirken. Genauso erscheint der Raum durch unsere Augen auf eine bestimmte Art und Weise. Die Positionierung im Schädel erzeugt eine bestimmte Dreidimensionierung im Raum, die ein Huhn anders erlebt, da sich bei ihm die Blickfelder der Augen nicht kreuzen, ganz zu schweigen von einem Regenwurm. Man wird wohl nicht behaupten wollen, dass der Regenwurm eine falsche Wahrnehmung der Wirklichkeit hätte. Ja tatsächlich dreht unser Gehirn den einfallenden Reiz sogar einmal um 180 Grad herum. Man kann also schwer davon ausgehen, dass wir die Realität wie sie ist wahrnehmen, sondern in unserem eigenen Spiegelkabinett sitzen. Die Unterscheidung zwischen Hiersein und Dasein wird somit relevant. Ist dieser fundamentale Effekt der Wirkrichtung der Wirklichkeit nicht verstanden verfällt man der Illusion des „Da“ mit einem Deuten auf ein Draußen, dass es nicht gibt. Ja viel mehr gibt unsere Innerlichkeit ein draußen her, als dass wir ein draußen bekommen. Das machen der eigenen Umgebung muss auf uns selbst hin gelesen werden. Wir geben die Umgebung und nicht umgekehrt.
Zur Frage des Sinns bei Heidegger kann angemerkt werden, dass nur einer die Frage nach dem Sinn des Seins stellen kann, der selbst sinnlos ist. Wer sinnlich die Welt erfahren kann, wird niemals die Frage nach dem Sinn des Seins stellen. Das Sein ist dann in allen Ausprägungen der Auslebung hinterhanden, also im Selbst vorfindbar. Im Gegensatz zum Dasein das Hiersein einzuführen, macht es nötig dem heideggerschen Vorhandensein auch das Hinterhandensein entgegenzubringen. Der Sinn entspringt immer dem Sein und ist dem Seienden anhaftend. Dem In-der-Welt-Sein muss das Welt(l)ich-sein entgegengesetzt werden, das die Welt mit dem ich gleichsetzt anstatt einen Gegensatz aufzubauen.
1 Platon, Politeia VII, 514a–517a

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