Die schönsten Ausstellungsstücke des Museums sind oft hinter einer dicken Glasscheibe, um sie vor Berührung zu schützen. Man müsste fast meinen, dass die Welt im Bereich der Sprache auch einer Barriere bedarf. Denn das „Begreifen wollen“ mit dem Verstand kreiert auf Dauer Abnutzungsspuren in den Dingen. Eine zweite schulische Kategorie neben dem Begriff sollte der „Loslass“ werden, der die Welt vor der Übergriffigkeit des Geistes schützt. Man möge meinen, dass eine zu genaue Beschreibung der Welt einem Angriff gleicht, der die Welt an neuralgischen Punkten permanent fixiert. Die begriffslose Beschauung ist das, was früher Kontemplation genannt wurde. Man versucht nicht sich nach der Welt zu strecken, sondern ohne ein Tun sie in sich spiegeln zu lassen, damit die Hand ruhen kann und sich der Griff lockert. Was als Begriffslosigkeit oder Begriffsstutzigkeit abgetan wird ist eine Tugend für sich, die die Kunst als Folge hat. Denn wenn die Sprache zu ihrem Ende kommt, beginnen die weiten Auen der Malerei und Skulptur. Sie sind Folgen der Spiegelung dessen, das zu einem kommt, wenn man still wird. Rehe wird man nie einfangen können, in dem man ihnen hinterherrennt. Die Wildfotograf*innen müssen Stunden regungslos warten, bis sich ohne ihr Zutun der Moment ergibt, wo sie dem Tier nahe sein können. Eine kleine Bewegung und die Herde schrickt auf und ist davon. Dieser Text will zur Stille. Er ist der Versuch die Welt nicht begreifen zu wollen, sondern zu warten, bis sie plötzlich da ist ohne das eigene Zutun. Verstehen ist die habituelle Fähigkeit auszuharren um durch den langen Stand einer Situation gewahr zu werden.
Das echte Begreifen ist ein Loslassen. Wenn der gordische Knoten zerschlagen ist, lässt man von ihm ab. Wenn die Abfahrt geschafft ist, kann man endlich wieder vom Lenker loslassen und freihändig die Fahrt genießen. ist das echte Kunststück nicht das, bei dem man sich immer mehr vom Fahrzeug entfernt, immer mehr loslässt und den Gesetzen der Natur vertraut. Eine Balancefähigkeit befähigt einen zum Loslassen. Nur so kann man plötzlich auf dem Rahmen des Fahrrads einen Handstand machen und die erstaunlichsten Kunststücke vollbringen. Der BMX-Fahrer, der die Menge ins Staunen versetzt, ist der, der loslässt.
Der Inhalt eines Wortes ist wohl der eigene innere Halt, den es erzeugt und den man sich darin wünscht. Das Wort wird mit dem eigenen Bedürfnis nach Halt erzeugt und diesen nennen wir Inhalt, da er dem eigenen Inneren entspricht. Der Gehalt ist das, was der Begriff hält. Was man behält, ist das, von dem man nicht loslassen kann. Wissen ist das, was durch das Behalten Halt erzeugt.

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