Die Philosophie ist die Erregung des Geistes durch Worte. Die Freisetzung der eigenen Beredsamkeit. Insofern sind Philosophie und Rhetorik ein und dasselbe. Denn Philosophie ohne Rhetorik ist unmöglich und Rhetorik ohne Philosophie ist nur Gesprochenes. Rhetorik als Disziplin verlangt die Weisheit als Grundlage ihrer Worte. Philosophie braucht die Erhabenheit der Rede. Sie stellen eine unauflösliche Verschränkung dar, die durch Wachheit möglich ist. Jedes geschriebene Wort ist als erstes gesprochenes Wort. Das Geschriebene darf nicht um seiner Selbst willen erstellt werden, sondern ist nur die Dokumentation der Rede. Die Rede erzeugt die schönsten und lebhaftesten Gedanken. Auch das Stehen erweckt die Lebendigkeit der Worte. Ein Redner muss stehen, um seinen Worten Gewicht zu geben. Die Aufrichtigkeit des Geistes zeigt sich in der Aufrichtigkeit des Körpers und umgekehrt. Da Reden eine Aktion ist braucht es dazu den aktivierten Körper. Der Körper schläft ein, sobald er sich ausruht, und die Dynamik der Worte kommt zum Erliegen. Wenn es nicht möglich ist beim Denken und Sprechen in Bewegung zu sein sollte zumindest der Stand erhalten werden. Nicht ohne Grund hat die Lehrerschaft der alten Tage ein Stehpult gehabt, die Kirche eine Kanzel und die Politik ihr Redepult. All diese Positionen machen Gestik möglich und erlauben es, Worten mit dem ganzen Sein Ausdruck zu verleihen.
Im Idealfall muss das Schreiben vom Reden entkoppeln werden, da das Schreiben ja nur die Dokumentation der Rede ist. Denkt man an Platon und Sokrates sehen wir dokumentierten Dialog von einem anderen aufgeschrieben. Man kann nicht zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen. Dokumentieren und Kreieren sind zwei unterschiedliche Aufgabenbereiche, die sich nicht vereinbaren lassen. Tut man dies, mangelt es der Rede an Freiheit und der Dokumentation an Genauigkeit. Eine gute Möglichkeit, um diese Teile nacheinander zu vollbringen ist die Intervallmethode. Man läuft eine Weile, macht den Geist frei um Worte einströmen zu lassen und sobald die Kapazität des Merkens ausgeschöpft ist schreibt man diese auf. Diesen Prozess kann man beliebig oft wiederholen.
Das Gehen bewirkt eine kurze Bereinigung des Geistes und ein Hinfortwischen des alten Gedankens. Wenn man zu lange einen Gedanken vertieft, wird man nicht vorwärtskommen sondern ihn zu Tode kauen. Jeder Gedanke besticht durch seine Leichtigkeit. Schwere kommt hinzu, wenn man sich an ihm aufhängt.
Der eigene Körper ist ein wunderbarer Indikator dafür, ob man sich an einem Gedanken zu lange aufgehalten hat oder nicht. Wird er steif und verkrampft, ist eine Loslösung nötig um neues einströmen zulassen. Wird er wieder weich und leicht kann man sich bald an einem neuen Einfall erfreuen. Hält man sich mit der Dokumentation zu sehr auf wird man keinen frischen Wind spüren. Im Vertrauen auf das Neue muss man stetig vom Alten loslassen. Je mehr man an dem Alten anhaftet, desto länger dauert es sich davon wieder zu lösen. In der Praxis ist also ein rechtzeitiges Erkennen der Anhaftung von größter Wichtigkeit. Wenn man dem eigenen körperlichen Wohl beim Schreiben größte Priorität zukommen lässt, wird man der Versuchung der Anhaftung immer entgehen können, da man ihr ausweicht, sobald der Körper beginnt sich zusammenziehen zu wollen. Wenn immer die Leichtigkeit angestrebt wird, erhält man sich seine rhetorische Agilität und hält die Klappe des Einfalls offen, wie die Öffnung des Pantheons auch immer geöffnet ist, ungeachtet des Wetters.
Zur Nachahmung und Verständlichkeit der Methode ist es ratsam alle Pausen, die man selbst macht als Absätze im Text zu vermerken, um dem Lernenden und Lesenden zu verstehen zu geben, wie der Text entstanden ist und wie die Spannungskurve des Textes zu deuten ist. So erhält er eine Richtschnur, um selbst ein Gefühl dafür zu entwickeln.
Ein echter Rhetoriker gibt gerne alle seine Methoden preis, da es ihm immer um die Freude am Fach und seiner Weitergabe geht. Eine Geheimniskrämerei um seine Methoden wegen eines Vorteils ist hier fehl am Platz da er dadurch seine Tat unter die Erreichung einer Sache stellt, was nicht Zweck der Philosophie ist. Das oberste Ziel der Philosophie ist die Freude an der Weisheit und diese Weisheit verbietet einen Antagonismus zwischen den Menschen.
Die Rhetorik macht es nötig nicht gewollt zu sprechen, was auf den ersten Blick kontradiktorisch scheint. Das Sprechen darf nicht dem Automatismus unterliegen. Erst wenn die innere Stimme zu Wort kommt, beginnt die Befreiung. Man muss gespannt sein auf das, was kommt und vollkommen von dem Ergebnis loslassen. Dann erscheint plötzlich ein vager Klang im inneren Ohr, dem man Vertrauen schenken muss, da man ihn noch nie zuvor gehört hat. Mit Hilfe des Vertrauens bildet sich ein Satz heraus den man schließlich aufs Papier bringen kann.
Rhetorik ist ohne Beweis gültig. Da die Weisheit selbst zu Wort kommt ist sie an sich Beweis und keiner äußeren Logik unterworfen. Da sie Beweis ist lässt sie sich logisch nachvollziehen ist jedoch an sich selbstreferenziell. Sie ist keine Antwort im Sinne des Wortes. Sie ist Aussage an Aussage aneinandergereiht und bedarf keiner Argumentation. Sie ist permanentes Aussagen. Sie kreiert, anstatt sich an etwas zu orientieren. In ihr ist genau wie in einem genuinen Kunstwerk der Geist selbst am Werk, der auf nichts anderes zurückgreift als auf sich selbst. Die Mittel mögen aus der Welt stammen, doch die treibende Kraft ist automobil.
Rhetorik ist Monolog, bedient sich also nur einer Logik, einem Gesetz. Der Dialog ist das Aufeinanderprallen zweier selbstreferenzieller Logiken, um die Kohärenz der anderen zu testen. Anders als bei der Diskussion, wo man sich den Diskus, das Thema des Gesprächs, hin und herwirft und im beidseitigen Interesse so lange wie möglich versucht das Spiel aufrechtzuerhalten, kann es beim Dialog kämpferisch zur Sache gehen.
Es ist eine Freude dabei zu zusehen, wie sich innere Wolken zu Wörtern verdichten und wandeln, wie Nebelschwaden ihre Gestalt wechseln. Wie sich Hoch und Tiefdruckgebiete bilden, die zu Regen und Sonne an unterschiedlichen Stellen führen, alle möglich Arten an Getümen und Formen bilden.
Worte sind nur Deutungsversuche des inneren Himmels. Benennungen der Konstellationen und Formen. Und Sprechen ist Meteorologie des inneren Kosmos.

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