zur Dialektik des Denkens

Das Denken wird in radikaler Weise vorangetrieben werden, indem auch das gedacht wird, das nicht der eigenen Position entspricht. Man darf nicht gescheut sein zur gleichen Sache unterschiedliche Positionen direkt hintereinander einzunehmen. Erst in der Kritik zum eigenen Geschriebenen entsteht in selbstständiger Befruchtung eine neue Sichtweise. Wie im Schachspiel gegen sich selbst führt ein gewollter innerer Antagonismus zu einer Tiefe der Substanz, die ohne Selbstverneinung davor nicht vorstellbar war. Möchte man das eigene Gefängnis der eingeengten Sichtweise sprengen führt kein Weg daran vorbei die Insel seiner eigenen Meinung in großen Kraulschlägen zu verlassen. In der Politik ist es erforderlich einen Standpunkt zu vertreten und sich trotz wandelnder Befunde und Diskussionen nicht von seinem eigenen zu entfernen, was eine Wahrheitssuche ausgeschlossen macht. Die Philosophie hat die Möglichkeit die innere Parteihaftigkeit zu verlassen und all das zu tun, das dem entgegenspricht, was die Person der Gesellschaft nicht darf; ihre eigene Position zu unterminieren. Aus der philosophischen Position ist es möglich sich innerhalb eines Gedankenexperiments zu allem gleichzeitig zu bekennen, das sich äußerlich gegenübersteht. Dadurch kann das Denken zu einem integrativen Prozess werden, der alle Seelenanteile miteinander verbindet. Der Wutbürger wird so auch zum Gutbürger und die Linke zur Rechten. Es sind doch oft nicht die äußeren Parteien, die sich vertragen müssen, sondern die inneren Seiten des Menschen, die zu einer Einheit gelangen wollen. Wenn die innere Integration dadurch abgeschlossen ist, kommt es zu einem vergehen der Feindschaft im herkömmlichen Sinne. Hat man erkannt, dass alle Anteile des Guten und des Schlechten, der Linken und Rechten, der Progressiven und Konservativen, Der Gewalttätigen und der Milde in einem Selbst vorherrschen wird man ein nach innen gerichtetem Menschen, der nicht mehr versucht eine Äußerlichkeit zu regieren, was in der Politik versucht wird, sondern seine inneren Parteien im Gleichgewicht zu halten. Dialektisches Denken sind die inneren Sondierungsgespräche vor der Koalitionsbildung. Wenn die Mitte des Menschen nicht in ihm regiert, kommt es zu einem Ungleichgewicht der Kräfte. Sie ist die Einheit zwischen Links und Rechts und nicht ihre Ablehnung. In Ihre verkörpert sich die Ausgeglichenheit der Seelenkräfte. Ein standhafter Mensch wird nicht destruktiv gegen andere vorgehen und kritisieren, sondern immer nach Stabilität und Produktivität streben. Wenn diese Grundwerte behindert werden können wir davon ausgehen, dass etwas Ungutes im Gange ist, das Heilung bedarf. Diese Mitte ist das sich neu bildende Produkt aus der Vertretung gegensätzlicher Ansätze, wenn man sich ihrer erlaubt zu bedienen.

Erst wenn man einen Fehler selbst begeht, versteht man, was falsch gemacht ist. Das Denken muss also Hals über Kopf an jedem Thema scheitern und scheitern, bis es auf einen grünen Pfad gerät. Jeder Fehler sollte gefeiert werden und jedes Eingeständnis zum Fehler ist ein Sieg. Konkret muss noch definiert werden, was ein Fehler genau ist, da der ursprüngliche Wortsinn eher von einem Fehlen spricht. Falschheit wäre an dieser Stelle der besser gewählte Ausdruck, da Fehler durch Richtiges und Falsches ausgefüllt werden können. Falsches ist meist nur zu erkennen, wenn man sich in eigenes Denken seiner Limitiertheit bewusstwird. Das Richtige führt in die richtige Richtung, das falsche entpuppt sich oft als Sackgasse, da es irgendwann auf Konflikt stoßen wird. Dieser Konflikt muss stattfinden, damit sich die Sackgasse als Sackgasse entpuppt. Damit die Konsequenzen erforscht wurden. Wenn sich diese als ungut herausstellen muss zurückgerudert werden und an der Weggabelung die andere Seite probiert werden.

Gedanken müssen reifen. Man wird sich ihrer Reifung erst bewusst, wenn sie festgehalten wurden. Wenn ihre Essenz genau wie der Wein in schweren Fässern eingelagert wird und erst nach Jahren der Reifung seine Qualität entfaltet. Ohne den Versuch zu wagen eine eigene Gehrung anzustoßen kann es sein, dass man den besten Jahrgang verpasst. Die Dialektik eines Textes selbst wandelt sich in der Zeit, indem man sich selbst dialektisch zu ihm verhält. Mal findet man ihn gut, mal schlecht. Mal versteht man ihn nicht und plötzlich erkennt man etwas Neues darin. So lohnt es sich wohl eine Meinung von sich zu geben selbst wenn sie im Moment des Niederschreibens für die eigenen Ohren nicht überzeugt. Am Ende findet sich wohl immer ein Abnehmer, selbst wenn es nicht die Vinothek ist. Wichtig ist nur jeden Versuch als Probe zur Verbesserung zu Erkennen und mit Sicherheit den letzten Jahrgang und die kommende Ernte im Blick zu haben. Dialektik bedeutet ständig die Mischung der Meinung zu verfeinern und mit ihren Nuancen zu experimentieren, bis man die Noten recht gut beherrscht. Es ist ein endloses Feld, auf das man sich begibt, wenn man versucht mit Worten die Wahrheit einzufangen. Selbst wenn man sie mit dem Kescher der Sprache für eine Sekunde zu fassen kriegt sind seine Maschen doch so groß, dass man sie doch direkt wieder verliert. Und von neuem zu Hieb ansetzen muss. Wie beim Angeln ist man die meiste Zeit am Warten und sieht dem Gewässer beim Vorbeiziehen zu.

Topic:

Hinterlasse einen Kommentar

Previous: