Wahrnehmung und Wahrgebung

Wahrnehmung ist ein Begriff, der im Alltag mit Passivität vermischt wird. Die sprachliche Intervention, um dem Nehmen das aktiv und dem Geben das passiv zuzuordnen ist die Begriffsgegenüberstellung der Wahrgebung. Die Realität in ihrer phänomenologischen Auffassung ist Wahrheit. Wir haben darüber hinaus nichts, auf das wir zugreifen können. Deshalb sagen wir, dass wir uns diese Wahrheit nehmen müssen. Wir müssen sie uns wie Äpfel pflücken und alles so sehen, wie es ist. Die Wahrheit ihrerseits bietet sich uns an, gibt sich freizügig durch Wahrgebung. Wie in Michelangelos Deckenfresko der sixtinischen Kapelle machen beide Seiten eine Bewegung auf sich zu. Der Finger Adams und Gottes berühren sich fast durch ein Zueinander. Genauso verhält es sich mit der Wahrheit der Realität und unserer Auffassungsgabe. Indem wir die Gabe der Wahrheit annehmen, vollzieht sich das Potential der Verbindung. Um die Minimallücke zu schließen, braucht es das Nehmen sowie das Geben. Im herkömmlichen Sinn wird Wahrnehmung nicht als Akt angesehen. Doch Wahrnehmung ist das Einfangen der Wirklichkeit in ihrer Tatsächlichkeit des Moments. Wenn der Moment, als das, was in ihm ist erkannt wird entsteht Erkenntnis, die kein Akt über sich selbst hinaus bedarf. Die Einheit mit der Welt wird dann erfahrbar. Meistens liegt das Geäst des Baums der Wahrheit und die Hand, die nach der Wahrheit greifen will, auseinander. Es herrscht immer ein „kurz-davor“, ein nie ganz „da-sein“, obwohl die Frucht zum Greifen nahe ist. Äonen vergehen, bis die Wahrheit gegeben wird, indem man sie wahrnimmt. Wahrheit entsteht in der Auflösung der Sphären von Mensch und Welt. Erkenntnis ist das Gewahrwerden dieser Einheit. Wenn das Außen verschwindet und zum Selbst wird ist die Transaktion der Wahrheit geglückt.

Hat man die Wahrheit einmal gegeben bekommen, kann man sie weitergeben. Die verbale Weitergabe ermöglicht eine Multiplikation. Wie bei der Speisung der 5000 in Matthäus 14,13–21 kann eine kleine Menge wie durch ein Wunder bis ins endlose vervielfältigt werden. Die einzige Bedingung dabei ist die Fähigkeit der Wahrnehmung in der anderen Person. Menschen können nur gesättigt werden, wenn sie die Fähigkeit des Essens beherrschen. Die Wahrheitsweitergabe zwischen Menschen erfordert die gleiche Kompetenz wie bei der Annäherung von Welt und Mensch. Ermöglichen kann man die Fähigkeit der Wahrgabe durch Kongruenz von Wort und Gesinnung. Wenn Worte mit der gewollten Ladung angereichert werden, sind sie ideale Halterungen für den Gehalt des Gesagten. Die Fähigkeit der Wahrannahme entsteht durch die Fähigkeit des feinen Hörens. Eine Fähigkeit, die die Sinne auf die Suche nach dem trainiert, was man auditiv finden will. Eine Frucht pflückt sich nicht von selbst, wenn man nicht weiß, welche Frucht man haben will. So gilt es für den Wahrnehmer die Varianz der auditiven Fruchtvielfalt ausfindig zu machen um dann wählend sich einem Baum zuwenden zu können. Es mag wohl nicht ohne Grund heißen, dass im Garten Eden viele Bäume stehen. Es mag unendlich viele Sorten der Wahrheit geben genauso wie es zahllose fein schmeckende Obstsorten gibt. Weiß man jedoch nicht auf welche man sich spezialisieren soll, wird man am Ende keine nehmen können, da der aktive Schritt in eine selbst gewählte Richtung notwendig ist, um dem Baum der Erkenntnis näher zu kommen.

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