Mit dem Gehalt einer Sache beschreiben wir unsere eigene Interpretation. Der Halt ist die physische Halterung. Ein Gemälde etwa ist auf der einen Seite eine Ansammlung aus Materialien mit Farbigkeiten. Der Gehalt, also das, was dadurch gehalten wird, ist die Interpretation als Figuren und Landschaften, Gebäuden und Tieren. Neben dem Gehalt, auf den wir meistens aus sind, wenn wir einen Text lesen, einen Film schauen oder uns auf einen Stuhl setzen hat der Halt eine eigene Wirkung auf unser Gemüt. Der Halt hat eine höhere Wichtigkeit als der Gehalt. Das ist die These, die in diesem Schriftstück vertreten wird. Denn egal was der Gehalt ist, es ist doch immer der Halt, der mit seiner physischen Präsenz auf uns einwirkt. Der Gehalt ist nur imaginär und nicht für andere einsehbar. Das Einzige, woran man gemeinsam teilhaben kann, worauf man sich einigen kann, ist der Halt. Am Beispiel der Zeitung ist zu erkennen, dass es weniger wichtig ist, was darin steht, als dass das Medium überhaupt existiert. Vielmehr geht es um die Haptik des Papiers, die Schriftart, die verwendet wurde und die Stimmung, in die es uns versetzt, wenn wir lesen. Für andere ist nicht einsehbar, was man liest, sondern nur die Haltung, die man dabei einnimmt und wie man das Papier hält. Das ist es, was kopiert werden kann, wenn man diese Tätigkeit auch erlernen will. Schnell wird man in ein Gefühl versetzt werden, was einen mit Zeitungslesenden verbindet. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist es, das wir uns dadurch in der Realität kreieren. Gern wird darauf hingewiesen, wie divers die Meinungen in den Zeitungen sind, wie unterschiedlich der Gehalt ausgewertet und analysiert wird, aber das Zeitunglesen als solches als Habitus ist der gemeinsame Nenner. Gemeinhin ist dies bei ornamentaler Inneneinrichtung am deutlichsten zu spüren. Die gemeinsame Erfahrung des Innenraumes schafft eine Atmosphäre, die verbindet. Irgendwann geht es nicht mehr um die einzelnen Bezeichnungen der Objekte wie Architrav, Säule, Kapitell oder Akanthusblatt. Alles sind Instrumente, die mit ihrer Form etwas bewirken und der Gehalt tritt immer mehr in den Hintergrund. Es könnte sogar die These angefügt werden, dass deshalb alle Kunstrichtungen von einer anfänglichen Figürlichkeit in eine Abstraktheit gleiten mit fortschreitender Entwicklung zu ihren Endpunkten. Die Ornamente des Rococco in der Würzburger Residenz erinnern zum Beispiel mehr an prozedural erstellte Muster mit digitalen Mitteln als an Blätter, die in der Natur vorzufinden sind.
Durch Digitalität ist es nun möglich den Gehalt vollständig vom Halt zu trennen. Analoge Werkzeuge haben nur die Möglichkeit einen Gehalt zu speichern, wobei ein moderner Computer auf alles zugreifen kann, was im Internet zu finden ist. Die Entkopplung hat dazu geführt, dass alles die gleiche Haltung nötig macht, die des am PCs-Sitzen. Dadurch, dass sich der Gehalt (Information) vollständig vom Halt (Computer) getrennt hat ist die physische Hülle und das Aussehen befreit zur neuen Gestaltung. Das ist die Geburt der Identität der Marken, die identitätsstiftend wirken. Der gleiche Prozess ist auch schon davor in anderen Dingen zu sehen wie etwa Automarken oder Zeitungsmarken. In seiner Radikalität präsentiert sich der Effekt jedoch am deutlichsten bei digitalen Werkzeugen. Wir haben es hier mit einem Universalmittel zu tun, das die Fähigkeit besitzt ohne Änderung seiner äußeren Form Texte aufzurufen, 3D-Modellierung möglich zu machen und Filme anzusehen. Eine Spitzhacke kann nur hacken und die Tätigkeit ist an ihre Form gebunden. Die Faszination über dieses Werkzeug nimmt noch zu, da das meiste dessen, was wir am Laptop abrufen, nicht in ihm gespeichert ist. Der Begriff der Speicherung, ob Cloud oder auf dem Gerät lässt erkennen, wie weit die Sphäre des Denkens von der physischen Sphäre getrennt wurde. Eigentlich ist es der Traum des Meditateurs oder des Asketen ganz in der Sphäre des Geistes zu versinken und nur in ihr zu schwelgen. Unser Mittel dazu haben wir nun für jede Aufgabe geschaffen. Das Mittel des Computers wird dadurch wohl zur vollen Entfaltung des menschlichen Geistes beitragen, da er dafür gemacht ist auch im Menschen Gehalt von Halt zu trennen. Musste man früher noch bei einer Skulptur selbst mit Meißel und Hammer einen Stein behauen ist es nun möglich still sitzen zu bleiben und eine Figur am Bildschirm zu generieren, die dann 3D gedruckt wird. Da die Computerindustrie jeden Bereich der menschlichen Tätigkeitsfelder erobert hat muss man fast davon ausgehen, dass es im Menschen ein Wunsch nach äußerer Regungslosigkeit bei gleichzeitiger hoher innerer Tätigkeit gibt. Die negative Deutung wäre wohl, dass in jedem die Tendenz zur äußeren Ruhe überwiegt. Wenn dem so wäre, dann ist die Frage zu stellen, weshalb die größten Events der Erde performativ sind. Also Menschen anderen Menschen bei körperlichen Bewegungen zusehen. Man erfährt wohl die größte Aufmerksamkeit, wenn man in sich die Ebene des Gehalts zum Halt, also Körper und Geist in Deckung bringt. Dies geschieht bei Sport und Tanz. Die olympischen Spiele, die Fußballweltmeisterschaft, der Superbowl sind Beispiele dafür. Ein großes Aufgebot körperlicher Bewegung umkreist von Tanz und Gesang, sowie Akrobatik und Kunst. Die Erkenntnis ist hier die einfache: dass Spektakel sichtbar sein müssen, sich der Gehalt in der Haltung widerspiegeln muss. Insofern sind Großveranstaltungen in ihrer zeitlichen Gerichtetheit diametral zur technischen Entwicklung zu deuten, da sie zur Einheit dessen zurückkehren, die im digitalen Zeitalter auseinanderdriftet.

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