Demokratie als Zwang

Seinen eigenen Herrscher zu wählen, scheint fast einem Paradox zu gleichen, wenn man ein freier Mensch sein will. So ist die Demokratie etwas, das aus der Perspektive der Freiheit des Einzelnen angezweifelt werden kann. Mir würde es gefallen, wenn einer, der tatsächlich herrschen will auch durch eine eigenwillige Durchsetzung seinen Willen zur Macht gestehen muss. Durch Wahlen wird dieses Machtstreben unkenntlich gemacht, in dem Bürgern eine angebliche moralische Pflicht zur Wahl zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung vermeidet die offene Auslebung des Machtstrebens. Würde diese Wahl nicht ausgeführt werden, von niemandem, dann gäbe es keinen Herrscher. Dieser Punkt würde dazu führen, dass sich tatsächlich einer diese Position erkämpfen muss. Er müsste Menschen um sich scharren, die ihn als Herrscher haben wollen und Stück für Stück seinen Machtraum ausbreiten. Wenn sich jemand seiner Macht widersetzt, dann müsste dieser bestraft werden. Eine Wahl vermeidet diese ausgelebte Brutalität und Unterwerfung der Menschen, indem diese indirekt durch die Wahl akzeptiert wird. Die Wahl ist das stille Einverständnis zwischen Herrscher und Beherrschten, damit diese nicht Opfer des Herrschers werden, der nicht Halt davor machen würde seinen Willen um jeden Preis durchzusetzen. Die Wahl lässt den Herrscher herrschen, damit dieser nicht mit Gewalt die Macht an sich reißt. Es ist also eine Präventionsmaßnahme, die einen echten Machtkampf verhindern soll. Die Wähler gestehen somit ihre Unterwerfung noch bevor darum gekämpft werden muss. Dies ist wohl eine historisch gewachsene Situation, die anerkennt, dass sich ein Machtgefälle innerhalb der Gesellschaft nicht vermeiden lässt. Anstatt Hierarchie abzubauen, bringt die Wahl diese in ein System, dass eine echte Konfrontation vermeidbar macht, diese aber noch mitgedacht wird, da sonst das System nicht notwendig wäre. Im Kollektiv ist wohl immer noch ein Grauen vor den Kämpfen der Vergangenheit vorhanden. Jeder mag selbst entscheiden ob es edel oder unedel ist die eigene Freiheit zu opfern, um einen Frieden innerhalb der Gesellschaft zu erzeugen. Die Unterdrückung des eigenen Geistes scheint mir zu keinem Zeitpunkt des menschlichen Lebens etwas zu sein, das es wert wäre gegen etwas anderes einzutauschen. Wahlen an sich sind konservativ, da sie den Gegensatz „Herrscher“ und „Beherrschter“ weitertragen, eine uraltes Gegensatzpaar der Zivilisation. Es wäre schön, wenn Wahlen nicht idealisiert werden als „politische Mitbestimmung“ oder „Recht“, das sich Frauen „erkämpft“ haben. Ist es wünschenswert sich seinen Henker selbst aussuchen zu dürfen? Wir müssen Wahlen eher als eine traurige Realität hinnehmen, die die Vergangenheit mit all ihrer Grausamkeit deutlich werden lässt, in dem sie sie versucht zu vermeiden und damit weiterträgt. In einem idealen Staat wäre tatsächlich jeder sein eigener Herr, das ist die wahre Auslegung einer Demokratie. Doch weil niemand diesen Anspruch an sich selbst erfüllen kann, moralischen richtig zu handeln muss er dieses Privileg der Selbstherrschaft aufgeben. Wahlen sind das Produkt der gescheiterten Selbstverantwortung der Masse.

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