zur Mulitsphärialität der Gesellschaft

Man möge meinen die Welt sei so gegliedert, dass an der Spitze der gesellschaftlichen Macht der Staat steht und dann Abstufungen nach unten von Unternehmen, Institutionen, Städten bis hin zur Familie und zum Individuum entstehen. Die These dieses Textes beinhaltet jedoch die Beobachtung, dass die Macht des Staates, sowie jeder anderen Körperschaft immer nur in ihr selbst besteht. Es gibt also keine Hierarchische Gliederung, sondern ein Nebeneinander, das an Sloterdijks Schäume erinnert. Die „Stadt“ Erfurt hat als Institution ihre größte Macht innerhalb ihrer eigenen Gebäude und Veranstaltungen, in denen sie das Verhalten ihrer „Mitarbeiter“ und „Herrscher“ (Bürgermeister) genaustens vorgibt. Es ist unmöglich sich dem Einzugsgebiet der Macht mit ihrer Omnipräsenz innerhalb der jeweiligen Mauern zu entziehen. Tritt man jedoch auf die Straße aus dem Rathaus heraus und läuft in einen Laden ist eine neue herrschaftliche Zone erreicht, in der neue Gesetze herrschen. Das Verhalten dort richtet sich dann nicht wie eben an einer imaginativen Körperschaft aus, sondern zum Beispiel an einem ganz klar definierten Produkt. Kerzenständer und Kissen werden plötzlich zum Mittelpunkt, wo doch eben im anderen Gebäude diese nur Beiwerk waren. Das Verhalten der Menschen, die sich in diesem Laden aufhalten dreht sich um einen ganz neuen Aspekt des Daseins und es entsteht dadurch eine andere Machtstruktur mit einer neuen Hierarchie. Der Chef dieses Ladens kontrolliert nun das Verhalten dieser Menschen und ein Eintreten in den Laden ist ein stilles Einverständnis dieser dort aufzufindenden Struktur. Man könnte nun meinen, dass der Staat doch noch die Oberhand haben müsste bei all dem. Doch wenn wir uns genau anschauen, wo der Staat oder die Europäische Union bzw. die UN ihr Machtmonopol besitzt, dann ist es in den jeweiligen Parlamenten und Büros selbst. Fragt man eine Person morgen in der Einkaufsmeile von einer Großstadt Deutschlands, was am Vortag im Parlament unserer Republik besprochen wurde, dann wird sie es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wissen. Fragt man jedoch einen Abgeordneten wird er genaustens wiedergeben können welche Debatten stattgefunden haben und wie diese ausgingen. Weniger wird er wahrscheinlich wissen, wie es den Menschen in seinem Wahlkreis geht. Umgekehrt weiß die Person aus der Einkaufsmeile penibel genau, was gerade in der Arbeit ansteht und wie sich sein Weg zur Arbeit in den letzten Tagen verändert hat. Die Simultanität unterschiedlicher Lebensbereiche wird nun deutlich. Scheinbar kann der Staat erstaunlich stark eingreifen, wenn es Delikte gibt oder Verstöße gegen geltendes Recht. Doch nach eigener Beobachtung sind diese Eingriffe verglichen mit der Permanenz der Struktur, in die eingegriffen wird verschwindend gering. Von staatlicher Seite ist es zum Beispiel möglich eine Richtlinie herauszubringen, die eine gewisse Arbeitszeit vorschreibt. Nun liegt es am Unternehmen, ob dieses sich dieser Richtlinie beugt oder die Zeiten so verteilt, dass auf dem Papier die Richtlinie erfüllt ist und in der Realität die eigene Verfahrensweise beibehalten wird. Zwischen der Machtausübung des Staates und der einzelnen Person steht also immer noch die freie Willensentscheidung zwischen Gesetz und Umsetzung.

Dieser Text soll darauf aufmerksam machen, dass die Entscheidung, welcher Sphäre man beitritt immer auch eine Entscheidung ist welcher Macht man sich beugt. Es existieren Sphären in dieser Welt mit gegensätzlichen Gesetzmäßigkeiten, die sich diametral gegenüberstehen und doch alle in ihrem jeweiligen Bereich Gültigkeit haben. Die universelle Gültigkeit eines Aktes zerfällt nämlich bei der Erkenntnis der Parallelität der Alltagssphären. Man stelle sich vor, der Bürgermeister von Erfurt würde sich morgen in einen Sisha-laden stellen und eine wichtige Rede halten, wie es um die Stadt Erfurt steht. Ich bin mir nicht sicher, ob die Verkäufer*innen das ganze als Scherz verstehen würden oder Angst bekämen. Jedoch soll dieses Beispiel deutlich machen, dass gewisse Macht und gewisse Akte nur in angemessenen Kontexten funktionieren. Es gilt also den passenden Kontext für sein Anliegen zu finden, anstatt davon auszugehen, dass der Rahmen, den man sich als Einfluss auf sich wünscht auch über seine Grenzen hinaus wirksam ist. Wenn jemand z.B. auf die Staatsgewalt baut, sollte er eine Beamtenlaufbahn anstreben, anstatt Friseur zu werden und dabei zu hoffen, dass der Staat sich um einen sorgt. Sobald man in eine jeweilige Sphäre eintritt, wandelt sich das Gegenüber als Spiegelbild. Der Dialogpartner wird ein anderer. Hat man z.B. in einem Kleidergeschäft die Gemeinsamkeit der Kleidung als strukturgebendes Element der gesellschaftlichen Interaktion akzeptiert, so wird man dort zurechtkommen. Ja, der Eintritt in diesen Laden ist nur möglich, wenn man sich dem herrschenden Objekt unterwirft. In der Sphäre des politischen ist die Politik selbst als imaginärer Herrscher die Kraft, unter der sich Nationen begegnen. Die Kanzlerin Deutschlands kann in Staatsangelegenheiten am besten mit dem Kanzler/Präsident eines anderen Landes sprechen. Die Alltagssphäre ist immer vom gleichen Gegenüber geprägt. Ein Fußballspieler in einer Mannschaft spielt gegen eine andere Fußballmannschaft. Gegen eine Basketballmannschaft zu spielen wäre nicht möglich. Die Gesetzmäßigkeit einer Sphäre führt also immer dazu eine Gemeinschaft zu schaffen, die sich gleicht. Diese Erkenntnis ist für das eigene Leben enorm wichtig, da es nicht möglich ist sphärenlos zu existieren. Es braucht immer eine zweite Person, die versteht, was man tut, sonst ist das eigene Verhalten undeutbar. Es braucht die abstrakte Idee über einem, der man sich fügt, sonst ist man schutzlos auf sich zurückgeworfen. Ein Balletttänzer wird auf offener Straße, wenn er anfangen würde zu tanzen auf eine Kreuzung für Autos wohl nach einiger Zeit für verrückt erklärt werden und es würde die Polizei gerufen werden, wenn er allein anfangen würde zu tanzen. Auf der Bühne, mit Musik und anderen Tänzer*innen wäre es eine Blamage, wenn er plötzlich aufhören würde zu tanzen. Dieses Verhalten wird jedoch an anderer Stelle, auf der Straße, von ihm erwartet.

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