Vom Essen und Fasten

Es sind die kurzen Höhenflüge des Tages, die ein Leben versüßen. Kurz zu denken, man hätte sein Ziel erreicht, lässt einen lebendig werden. Dieses Gefühl stellt sich immer dann ein, wenn man lange genug nichts isst. Nach 3 bis 5 Stunden denkt man, man könnte dem Leben einen Streich spielen und der Geist beginnt sich vom Körper lösen zu wollen. Jede Mahlzeit zwingt einen wieder zur Zwischenlandung. Es ist ein gefährlicher Grad, den man damit besteigt. Der erhöhte Zustand kann leicht in Verrücktheit umschlagen, denn dort wo man es geschafft hat den körperlichen Hunger zu bezwingen setzt direkt der seelische Hunger an der einen in immer höhere und entferntere Schichten seines Geistes dringen lässt. Fühlt sich seinen Zielen plötzlich sehr nah. Es ist eine Illusion, in die man jeden Tag hineingeraten kann, wenn man sie nicht frühzeitig erkennt. Auch Musik schaltet diesen Zustand frei: die Stimme beginnt sich zu regen und man hat Lust seiner Stimmung einen Ausdruck zu geben. Tropfenweise kann man so den Tag Stück für Stück erkunden, wie es sich mit seiner Energie im Körper verhält.

Einen gleichsam wunderbaren Effekt hat leichte Kost, die viel Wasser enthält: Früchte, Beeren und Obst sind so voller Wasser, dass man mehr trinkt als isst. Diese Frische durchströmt den ganzen Körper und es ist, als ob endlich wieder der Frühling angebrochen sei. Die Glieder werden leichter und man ist beschwingt direkt aufzuspringen und herumzutollen. Wenn jeder Tag so beginnen würde, könnte man ewig leben und bräuchte keinen anderen Trost. Es fühlt sich an wie eine kühle Brise, die das alte Laub hinfort weht und gleichzeitig jede Zelle des Körpers zum Strahlen bringt. Ja, man hat den Eindruck der Körper würde sich mit Fröhlichkeit bedanken, indem er Wonne ausschüttet und wie ein Glühwürmchen beginnt zu leuchten. Alles im Äußeren, das Aufbruch und Süße ausstrahlt, fängt dadurch an mit einem zu resonieren: Helle Farben, leichte aufgebrochene Baustile in ihrer Spätform, sowie die Musik Mozarts und Vivaldis. Ein Sinnbild für diesen Zustand ist die Orangerie. Mit ihrer Leichtigkeit drückt sie das Lebensgefühl des Barocks in Verbindung mit der Spritzigkeit und Süße der Zitrusfrüchte am passendsten aus. Ich denke dabei an den Garten das Belvedere in Weimar, sowie die hellen Kiesel der Wege die fein knirschen, wenn man darauf läuft. Es ist ein Gesamtkompositum, das so arrangiert ist, dass alle Sinne dazu angeregt sind den gleichen Zustand der Leichtigkeit zu erzeugen. Der Geschmack der Früchte, das Gold weiß der Fassaden und das Knirschen des Bodens wirken als ein großes Gesamtkunstwerk. Ein wahrlicher beflügelter Zustand, der so angenehm ist, dass er als kollektives Strukturelement eine kulturelle Epoche heraufbeschworen hat, die mit all ihren Formen ihn zu wiederholen vermag.

Der aufgebrochene Barockgibel stellt wohl, wie kein anderes Bauelement dar, was sich bei dem Höhenflug im Inneren des Menschen abspielt: Die Decke nach oben ist aufgebrochen. Alle Energie will nach oben heraus und diese lässt alle Kunstformen zur Blüte bringen. Das Herz springt einem aus der Brust, man will wandern, man lässt Musik entstehen, man will dem Gegenüber um den Hals fallen. Man verhält sich wie eine Blase im Schaumwein die nach oben schnellt und einzig und allein der Belustigung dient. Man wird zu einem korinthischen Kapitell, das nach langer Kanalisierung endlich den Ausgang gefunden hat und in tausend Verästelungen herausschießt, die Deckelung des Architravs nicht mehr als Hindernis erlebt, sondern diesen Punkt der Last sogar noch überwächst mit dem schönen Akanthus, ein Sinnbild für Streben nach oben. Man ist angeregt Perücken zu tragen wie damals, sich zu amüsieren, Kleider der Leichtigkeit zu entwickeln mit 1000 Details, die das Ausweiten des inneren darstellt. Man sehnt sich nach Glitzer, nach schönen Stoffen und ist der Schwere und der Last des Daseins entronnen. Im Barock spiegelt sich dieser Übergang durch das plötzliche Spiel mit den konstruktiven Elementen, die in der Klassik noch tatsächliche Kräfte abtragen mussten. Die Kräfte, die nach unten ziehen scheinen verschwunden. Das Spiel scheint möglich. Und so sehen wir plötzlich mehr Verzierung denn je oder neue Formen wie das oval. Der barock ist die Umwandelung des Antiken Stils hin zum christlichen Stil. Es ist Symbol der neuen positiven Kräfte, die alles Alte von seiner Verstaubtheit befreien und die Seelischen Kräfte zur vollen Entfaltung bringt. Es ist die Transition der menschlichen Daseinsphäre vom irdischen ins himmlische, vom geerdeten zum Geistigen. Das, was einst Permanenz anstrebte, wird nun zum Aufstreben, zur Freisetzung angeregt und umgebaut.

Der Barock bereitete mit diesem Lebensgefühl das technische Zeitalter vor, in dem wir uns jetzt befinden. Haben einst sich die psychischen Kräfte nach der äusseren Welt gerichtet ist es nun umgekehrt: Wir haben in der Materie unseren geistigen Zustand eingebrannt und kanalisieren in stetig weiter. Der größte Ausbruch dieser geistigen Sphäre ist das Internet, welches zum Himmel geworden ist der nach dem Aufbruch des Gibels offen steht. Ihn ihn wird alles hineingearbeitet nach dem sich die Menschen sehnen. Eine unendlich große Spielwiese die zum Spiegel der Menschlichen Innenwelt wird. Wo sich damals Menschen Perücken aufsetzten und sich ihrer echten Erscheinung eine Kunstform überstülpten machen wir das nun mit ganzen Welten und Charakteren, tauchen uns in animierte Spielwelten ein in denen wir nicht nur die Haare ändern können. Der Hof von damals ist das Internet von heute. Wie damals ist es nun möglich eine neue Identität anzunehmen und mit dieser sein Glück zu versuchen. War es damals noch ein physischer Ort, den man betreten musste ist diese Welt des möglichen nun an jedem Schreibtisch betretbar, des mit der Sphäre des Himmels, dem Internet, verknüpft ist. Einzig nötiger Schlüssel ist die Offenheit des eigenen Geistes. Der eigene Zustand Schlüssel und Schloss für jede Situation in die man hineingerät oder von der man ausgeschlossen wird. Um diesen für seine Gunsten zu einem Schlüssel zu machen ist es also ratsam leicht zu Essen.

Topic:

Hinterlasse einen Kommentar