Zum Schreiben

Das eigene Schreiben öffentlich zu machen, gleicht einer inneren Entblößung. Im Gegensatz zur äußeren Entblößung liegt der Unterschied darin, dass beide Parteien nicht wissen was zu erwarten ist. Der Autor weiß ebenso wenig, was aus ihm herauskommen wird, wie die Leserschaft, was auf der nächsten Seite erscheinen wird. Schreiben ist ständige Überraschung. In der Schnelligkeit des Loswerdens der Wörter überlistet man den eigenen Kontrollmechanismus der Zurückhaltung. Hat man diesen im sozialen Zusammensein perfektioniert, muss man diesen zur Erreichung der Produktivität wieder abbauen. Je mehr man sich der Zurückhaltung entledigt, desto mehr wird man die eigenen Tiefen erforschen können. Hierbei ist anzumerken, dass es sich um keine individuellen Tiefen handelt. Beginnt ein Mensch mit dem Schreiben zapft er einen Strom an, der Leben heißt und der in jedem Menschen vorzufinden ist. Je nachdem in welchen Mischungen diese Gewässer in einem vorliegen und welche Gesteinsschichten in einem zu finden sind, die es aufzubrechen gilt wird das hervorgeholte eine gewisse Färbung erhalten. Je öfter man diese Bohrungen an sich vornimmt wird man genauer kartografieren können, welche Gesteinsschichten unter einem liegen. Eine Analogie, die diese Gleichheit in der Verschiedenheit darstellen kann ist die Rundheit der Erde, auf der von allen Orten bei Bohrungen zum Mittelpunkt gelangt werden kann. So hat auch jeder Mensch das Potential zu seiner eigentlichen Mitte vorzustoßen, selbst wenn es Stellen gibt, bei denen die eigenen Kräfte an zu granithaften Schichten hängenbleiben. Jeder Artikel bzw. jeder Probe, die man hervorholt, muss verzeihbar sein und als Experiment gezählt werden. Der Autor macht sich zum Durchgangsort von Dingen, die er selbst nicht einzuordnen vermag. Sie stellen immer den Stand der Dinge zu einem gewissen Zeitpunkt dar und sind nie das Ziel, nie das Endprodukt. Im Schreiben gibt es kein Ende, sondern der Prozess selbst wird wie beim Lesen zur Genugtuung, weil es die eigenen Seelenkräfte im Fluss hält. Eine Stagnation hätte bei angefangener Bohrung fatale Folgen, da man unter dem inneren Druck leiden würde. Schreiben ist das stete Einfangen eines unaufhörlichen Unwissenheitsstromes im Gegensatz zum Bewusstseinsstrom. In der Akzeptanz der eigenen Unwissenheit entfaltet sich die Fähigkeit zum Hervorbringen von Neuem. Wir müssen allem künstlerischen Schaffen ein gewisses Mysterium zuschreiben, das damit verbunden ist. Je weiter man sich vorwagt, desto mehr verwischt sich das für richtig befundene Wissen und die Umwelt sowie Innenwelt verändert sich. Man begibt sich auf eine Zugfahrt mit ständig wechselnden Landschaften, die immer neue Anfordernisse an einen stellt. Man wird neuen Wesen begegnen, die es zu dokumentieren gilt. Auch muss man sich neu ausstatten mit robuster Kleidung, mal zur Entlüftung, mal zur Wärmung optimiert. Hat man lange nicht mehr geschrieben, braucht es eine Weile der Anfahrt, um das träge Gefährt des eigenen Geistes wieder in Schwung zu bringen. Der Geist ist zu gerne in einem Zustand der Stagnation und es braucht viel Mühe, um die Bremsen der Lethargie zu lösen. Das Schreiben hat zur Folge, dass man seine Person wandelt. Man entwickelt sich von einem sprechenden zu einem schreibenden Wesen. Das, was einmal das Sprechen war und sich an eine andere Person richtete, um praktische Zwecke zu erfüllen wandelt sich zum Selbstzweck. Ich beobachte, dass die Häufigkeit des Schreibens zu einer Stummheit im Alltag führt. Zu leicht lässt man sich aus dem Strom der eigenen Gedanken rausreißen und verliert den Faden zu den Dingen, die man loswerden will. Man macht sich durchlässig für Kräfte, die größer sind als man selbst. Indem man von allen moralischen Regeln Abschied nimmt, entwickelt man einen neuen Menschen in sich, der alles, was unbewusst erlernt wurde noch einmal durch Anschauung und innere Betrachtung für sich entdeckt. Hat man das Prinzip des Schreibens und Lesens verstanden, ist plötzlich egal, um was es sich handelt. Man macht den Akt selbst zu eigentlichen Aufgabe, der so schnell geschieht, dass man selbst nicht weiß, wie einem geschieht. Man möge meinen, dass diese Tätigkeit eine nutzlose sei, doch dabei ist genau zu definieren, worin überhaupt ein Nutzen besteht. Je nachdem, was das Ziel eines Menschen ist, können Dinge und Handlungen als recht nutzlos angesehen werden. Fälschlicherweise nahm ich eine lange Zeit meines Lebens an, dass der Inhalt des Geschriebenen von Wichtigkeit sei, mit dem man sich bildet. Die eigentliche Bildung entsteht in der Loslösung der eigenen Innerlichkeit von ihrer Trägheit. Wenn man den Geist zum Schweben bringt, fühlt man sich im Augenblick der Tätigkeit lebendig und man kann diese perfektionieren, ihr eine Note geben, sobald man ein gewisses Repertoire aufgebaut hat. Das eigene Streben wird hier auf die Probe gestellt. Denn die Kräfte, die einen zum Erliegen bringen wollen, sowie der Drang zum Flug befinden sich in ständiger Wechselwirkung und man weiß nie genau, wann die eine über die andere Kraft triumphieren wird. Auch wird man misstrauisch gegenüber jeder scheinbaren Etappe, die nun abgeschlossen ist, weil man sich sicher ist, dass das Weiter-gehen-wollen nicht zum Erliegen kommt. Genauso wie man ein Misstrauen gegen das Ende entwickelt kommt ein Vertrauen zum eigenen Anfang, der einen stetig weitertreibt. Man kann das Unerwartete als sicher annehmen und gleichzeitig die äußere Prägung deutlich erkennen. Würde man nicht zum Vorschein holen, wohin der eigene Geist gezogen wird, würde man sich auf ewig blind unentdeckten Neigungen geben. Man wird mir wohl zustimmen, dass es besser ist sehenden Auges ein Ziel zu verfolgen als blind durch das eigene Leben zu laufen. Nie darf man sich jedoch mit dem Geschriebenen identifizieren. Die Identifikation mit dem Geschriebenen lässt einen auf der Stelle treten und man wird wie auf einer Insel gefangen sein, von der man sich nicht wegbewegen will.

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